Post Sondershausen

Seit 1864 war das Postamt Sondershausen in den Räumen des ehemaligen Rentamtes in der heutigen Carl-Schroeder-Straße untergebracht. Da dieses Haus vor allem wegen der sich entwickelnden Fernmeldetechnik nicht mehr ausreichte, musste ein neues Postgebäude her. Als Bauplatz für das neu zu errichtende Dienstgebäude erwarb die Reichspost das gleich nebenan in der Poststraße liegende Grundstück für 6 000 Mark.

Nach Verhandlungen mit dem Fürstlich Schwarzburgischen Ministerium und dem Magistrat

der Stadt Sondershausen wurden die Flächen der Häuser Hauptstraße 3 und 4, deren Besitzer enteignet wurden, der Post unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die Grundsteinlegung für das an der Ecke Hauptstraße und Poststraße errichtete Postgebäude erfolgte am 19. Juli 1886. Es sollte einen monumentalen Charakter erhalten und eine Zierde der Residenzstadt sein.

Nach 14 Monaten Bauzeit war es am 29. September 1887 fertiggestellt. Auf dem Dachfirst ist die Vorrichtung für die Einführung der Fernsprechanschlüsse zu sehen. Die Herstellungskosten betrugen 94.498,18 Mark. Die Post hatte erstmalig ein eigenes Haus. Sämtliche Ziergegenstände am Haus wurden vom Sondershäuser Steinsetzmeister Köber ausgeführt. Von den Schmuckbildungen seien nur einige erwähnt: Die zwei Wappenschilder in der Hauptstraße zeigen einen Pferdekopf und ein geflügeltes Eisenbahnrad. Sie symbolisieren die Entwicklung von der Postkutsche zum Eisenbahnwaggon als Beförderungsmittel. Das Eingangsportal wird von zwei Säulen flankiert und über den Säulen durch Tragbalken, Fries und Gesims mit giebelartiger Verdachung gekrönt. Die Seiten der letzteren tragen in einer Muschel einen weiblichen geflügelten Kopf, sinnbildlich die Post darstellend. In der Carl-Schroeder-Straße befinden sich in Wappenschildern Posthorn und Erdkugel, aus welcher Blitze schlagen, darüber zwei verschlungene Hände als Symbol des vom Generalpostmeister Heinrich von Stephan (1831 bis 1897) 1874 mit Sitz in Bern gegründeten Weltpostvereins. Vor der Rampe des Postamtes sind die Postillione Paul Rode, Robert Meister und Albert Gebhardt mit ihren Pferden zu sehen. Die Bauherren des Postgebäudes konnten nicht ahnen, dass in den 70er bis 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts vor allem zur Weihnachtszeit eine derartig große Menge an Paketen, Brief- und Päckchenbeuteln, Zeitungen und Zeitschriften im Postamt zu bearbeiten war. In aller Frühe, mittags und abends wurden die Sendungen aus der Kraftgüterpost (Lkw W 50 mit Hänger) über das Förderband hinein und nach der Bearbeitung wieder hinaus befördert. Die Packkammer platzte förmlich aus allen Nähten. Deshalb mussten sogar die Garagen mit genutzt werden. Da wurde jede Hand gebraucht. Die gesamte Verwaltung reihte sich in die Schlange ein, wenn es um das Zählen, Aufschreiben und Verladen der Setzungen ging. Fünf Landkraftposten versorgten die Postämter Greußen, Ebeleben und die 55 Poststellen in den Landorten. Wer einmal einen bis zur Decke gestapelten Berg von Paketen und Päckchenbeuteln bearbeitet hat, der weiß, dass so mancher Schweißtropfen dabei vergossen wurde. Die Mitarbeiterinnen vom Briefein- und -abgang wussten, was das Stempeln und Verteilen von in Waschkörben gestapelten Glückwunschkarten für eine Sisyphusarbeit war. Noch 1895 musste sich der Paketzusteller regelrecht mit den Paketen abbuckeln. Bis 1931 wurden Pakete mit Pferdekutschen und dann mit Kraftfahrzeugen ausgefahren. 1969 wurde in Sondershausen die Paketzustellung eingestellt. Die Sendungen wurden über die in den Wohngebieten aufgestellten Fachanlagen ausgehändigt. Diese reichten im Weihnachtsverkehr nicht aus. Deshalb wurden im Stadtgebiet noch sechs Ausgabestellen eingerichtet. Auch bei den Postämtern 1 bis 9 wurden Pakete ausgehändigt, vor allem die oft schweren "Westpakete", die den Vermerk "Geschenksendung - Keine Handelsware" trugen. Und was da alles ankam: Autoreifen und Stehleitern waren keine Seltenheit. Am Heiligabend gegen 15 Uhr war der Weihnachtsverkehr geschafft. Die Postler waren es auch. Aber sie waren stolz, wieder einmal rechtzeitig zum Fest allen Postkunden ihre Sendungen ausgehändigt zu haben. Als 2006 das Postgebäude 120 Jahre nach der Grundsteinlegung zum Verkauf angeboten wurde, hatte man eine Kaufpreisvorstellung von 180 000 Euro. Aus dem ehrwürdigen Haus wurde ein Geschäfts- und Wohnhaus.

Quelle:

http://sondershausen.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/kultur/detail/-/specific/Das-Haus-der-Postillione-1869962031

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Clair
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Clair, geb. 1966, aufgewachsen in Sondershausen, lebt heute in Baden-Württemberg. Sie ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Hobbys sind Ahnenforschung und Fotografie, außerdem ist sie mit Leidenschaft Webmasterin und betreibt mehrere eigene Webprojekte.

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