Clair's Welt

1. und 2. 1. 1985

Beim Abflug von Johannesburg bat ich um einen Fensterplatz. Die Bodenstewardess riet mir, oben in der B747 zu sitzen. Das war eine andere Maschine als die vorige, mit einer oberen Etage. Erst später entdeckte ich, dass ich mich nun in der „Business Class“ befand. Dies brachte mit sich: Eine Speisekarte mit dem Wahlangebot für die Hauptmahlzeit, ein Päckchen mit „Pantoffeln“und Zahnbürste und -paste, kostenlose Kopfhöhrer, ein Kissen, Musikwahl, ein Film (heute gibt es das auch in der „Economy Class“), den ich mir nicht angesehen habe. Ich saß ganz vorn links ohne Nachbarn. An der Seite gab es eine Truhe für die Gepäckstücke und darin eine Decke für die Nacht. Ich konnte mich in der Nacht ausstrecken und recht bequem schlafen, aber die Aufregung ließ mich kaum zur Ruhe kommen. In Nairobi, Kenia, hatten wir einen Zwischenlandung mit ca 2 Stunden Aufenthalt, weil wir auf Mitreisende warten mussten. Wegen der Unruhen dort, durfte keiner aussteigen. Die Mitreisenden wurden erst zum Flugplatz gefahren, als man sicher war, dass der Flieger auf sie wartete. Als wir endlich wieder über die Piste zum Abflug rollten, zeigte sich schon das Heimweh. Der Gedanke, auf ein Jahr hinaus keine Akazienbäume mehr zu sehen, trübte erheblich die Vorfreude auf alles Neue. „Land der Vorväter“ - mein Wunsch, einmal alle 4 Jahreszeiten zu erleben, wie ich sie sonst nur aus den deutschen Büchern kannte, wie ich sie in den Liedern und in Gedichten präsentiert bekam und erlernen durfte, wie meine Mutter sie uns aus ihrer kindheit vermittelt hatte - in dem Moment hätte ich gern auf alles verzichtet, wenn wir nur umkehren könnten. Heimweh - solch ein Blödsinn aus Erzählungen und aus dem Deutschunterricht - mich hatte es voll gepackt und ich tat mir selbst unheimlich leid. Einzig und allein der Gedanke, wie meine Brüder mich jetzt ausgelacht hätten, ließ mich Haltung wahren, sonst hätte ich garantiert das Flugzeug mit einer Tränenflut zur Notlandung gezwungen, um die Mitpassagiere vorm Ertrinken zu bewahren.

In Frankfurt blieb ich sitzen, bis alle ausgestiegen waren. Eine speziell georderte Bodenstewardess nahm sich meiner an und ließ mich nicht aus den Augen. Sie war verantwortlich dafür, dass ich rechtzeitig den Weiterflug nach Stuttgart erreichte. Das war auch ein besonderer Dienst. Ich wurde in ein besonderes Wartezimmer geführt und bekam deutsche Obstsäfte und leckereien geboten. Als zusätzliche Ersterfahrung befand ich mich freundlicherweise in Gesellschaft einer 82-jährigen Dame aus der Steiermark, die mir mit zahnlosem Mundwerk und im Dialekt von ihrer Reise nach Kanada zu ihren Kindern berichtete. Ich bezweifelte, ob ich genug Deutschkenntnisse erlernt hatte. Von meiner Mutter kannte ich zwar den Berliner Dialekt, den aber mit Knabberleiste am rechten Fleck. Weil ich nicht unhöflich sein wollte, strengte ich mich ungemein an, wenigstens die Hälfte zu verstehen. Diese Höflichkeit sollte sich rächen. Als einziges Opfer in dem Raum berichtete sie mir ihr Lebenswerk. Sie beschäftigte sich in ihrer Heimat mit Kräutern und ihren verschiedenen Verwendungszwecken. Ich wurde bombardiert mit einem phänomenalen Wissen sämtlicher Kräuter ihrer Umgebung, ihren Namen, ihrer Zubereitung, ihren Heilkräften. Meine Bemerkung, dass es schade sei, solches Wissen zu verlieren, brachte sie dazu, mir noch mehr Wissen anzuvertrauen. Zum Glück hatte der Flug nach Stuttgart wegen Schneefalls 40 Minuten Verspätung. So konnte ich den Inhalt von mindestens 10 Kräuterbüchern abspeichern und fragte mich verzweifelt, welches Kraut gegen Kopfschmerz zu gebrauchen sei. Schließlich fragte die Dame mich, wie alt ich sie schätzen würde. Ich dachte so bei mir: „80 mindestens!“ Meine ausgesprochene Antwort war allerdings: „Vielleicht so 60?“ Sie triumphierte: „Ja, alle schätzen mich immer viel jünger ein. Ich bin schon 82. Das kommt alles von meinen Kräutern!“

Endlich wurde ich erlöst. Auf dem Weg zum nächsten Flugzeug durften wir ein kurzes Stück über freies Gelände laufen. - Gibt es das heute noch? - Ich nutzte die Gelegenheit und konnte kurz vorm Einsteigen zum ersten Mal Schnee anfassen.

Von Stuttgart ging es weiter nach Thübingen. Dort nahm uns der erste Kursusleiter, Herr Siegel in Empfang. Bei einem nachmittäglichen Spaziergang in die Umgebung lag nur wenig Schnee, aber er knirschte unter den Schuhen. Ich trug Stiefel, die ich mir in weiser Voraussicht ein halbes Jahr vorher bei einer Reise nach Kapstadt gekauft hatte. Am oberen Rand waren sie leicht gefüttert und sie hatten glatte Sohlen. Sobald der Weg leicht abschüssig war, durfte ich feststellen, dass dieses Schuhwerk keine gute Wahl war, denn Schlittschuhe konnten nicht weniger rutschig sein, als ich. Meine Begleiter kämpften darum, mich vom Davongleiten zu bewahren und waren besonders darauf bedacht, nicht mit gezerrt zu werden, wenn mir meine Füße vorauseilen wollten. Außerdem taugten sie in keiner Weise als Winterbekleidung. Durchgefroren und so „haltlos“ machte ich bestimmt keinen guten Eindruck als Vertreterin meines Heimatlandes.

Trotzdem fand ich Zeit, diesen ersten Eindruck von Winter auf mich wirken zu lassen Auf den Feldwegen sah der Schnee aus, wie gestäubte Kuchenverzierung. „Streuzucker nennt man es,“ wurde ich belehrt. Abends waren vom Schnee nur noch schmutzige „Seifenschaumhäufchen“ zu sehen, teilweise sahen sie wie Aschenhäufchen aus. Nach dem Abendessen im „Gasthaus zur Garbe“ durfte ich endlich den ersten Tag in Deutschland in einem Daunenbett beschließen.

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Elke
Autor: ElkeE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Lehrerin und Buchautorin
Autor Info
Elke Lang lebt in Swapokmund, Namibia. Sie ist Lehrerein an der Namib High School und unterrichtet in folgenden Fächern: Deutsch, Englisch und Rede + Drama "Ich liebe es, an der Namib High School zu unterrichten, weil die Unterrichtsstimmung fabelhaft ist!" - Sie schreibt hier ab und an in ihrer Columne Geschichten aus Namibia.

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