Nach zwei Jahren Unterrichtserfahrung qualifizierte ich mich als Lehrerin für das Austauschprogramm und durfte mich melden, ein Jahr Erfahrungen in Deutschland zu sammeln. Eine der Bedingungen war, dass ich nach Ablauf der Zeit ins Heimatland, damals hieß es noch Südwestafrika, zurückkehren und mindestens zwei Jahre wieder an einer hiesigen Schule unterrichten sollte. Das war für mich logisch. Ich hatte schließlich den Beruf als Wunschtraum angestrebt und nicht vor, nach einem Jahr im Ausland unter eventueller Schockeinwirkung den Weg in ein anderes Berufsexil zu wählen. Es war ohnehin schon schwierig genug, die südwestafrikanische Behörde zu bewegen, mir ein Jahr „Pause“ zuzugestehen, und mir anschließend wieder den Lehrerposten an meiner Schule zu garantieren. Schwierig? Das ist eigentlich untertrieben. Es war fast eine Odyssee durch die verschlungenen Wege der Behördenwillkür. Deutschland trug natürlich seinen Teil dazu bei:

Nachdem ich mich rechtzeitig zu dem Programm angemeldet hatte, hörte ich nichts mehr von ihnen und fand mich damit ab, dass die Recyclingschublade sich über zusätzliches Papier freute. Ende Oktober kam dann plötzlich der Bescheid, dass ich akzeptiert worden sei. Nun sandte ich sofort meine Anfrage an unser Erziehungsministerium, das eigentlich schon anfing, sich auf die Sommerpause vorzubereiten. Die Telefongespräche ergaben, dass sich Person X meiner Sache annehmen wolle. Meine Formulare seien zu ihm weiter geschickt worden und lägen auf seinem Schreibtisch. Person X werde sich dann mit Person Y in Verbindung setzen, die mein Anliegen bei der behördlichen Konferenz vorlegen werde. Eine Woche später stellte sich heraus, dass sich die wichtige Entscheidungsperson nicht im Amt befände, aber sie sei informiert und werde sich SOFORT bei mir melden. Das „SOFORT“ ist wohl in jedem Land gleich. Viele Nachfragen später wurde mitgeteilt, dass alles zugesagt würde, und ich mein Papier zugeschickt bekäme. Mittlerweile war der Flug gebucht und die Reise stand bevor, aber ohne besagte Zusage. Am 1. Januar sollte es losgehen. Mit Weihnachten dazwischen, Urlaub der Beamten und Neujahr in Sicht, hatte ich endlich erwirkt, dass ich am 31. Dezember vormittags in Windhoek meine Papiere bekäme. Die Unterschrift sei erfolgt... Am 31. Dezember erfuhr ich, dass Person X die Papiere auf seinem Schreibtisch hätte, X, Y oder auch Z nicht unterschreiben konnten, weil X in Urlaub sei, Y keinen Schlüssel zu seinem Büro habe, aber sie mir irgendwann die Bescheinigung nachschicken würden. Vertröstet wurde ich von irgendeiner Sekretärin oder Telefonistin, die ohnehin nicht wusste, worum es geht. Als braver Staatsbürger sah ich mich gezwungen, alles zu glauben und beschloss, auch ohne Garantie das Wagnis anzutreten, eventuell doch oder auch nicht wieder eine Stellung als Lehrer zu bekommen, wenn ich 12 Monate später zurückkehrte. Immerhin war ich durch meinen Beruf auch Staatsbeamter und nahm mir vor, die Zukunft in weite Ferne zu rücken und abzuwarten, wie sie sich gestalten würde. Mein Übergang ins neue Jahr gestaltete sich trotzdem sicher etwas sorgenvoller als der Übergang von X, Y oder andere Beamte, die sich rühmen konnten, eine nervige Person vorerst abgewimmelt zu haben.

Und dann war es soweit. Erst erfolgte der Abschied von der Familie, mit Sorgen, wie sich dieses naive Menschenkind zum ersten Mal auf eigenen Füßen in der Ferne behaupten würde. Meine Schwester hatte organisiert, dass ich in Frankfurt vom Bodenpersonal in Empfang genommen würde, damit man mir wie einem Hilfsbedürftigen bei dem Weiterflug nach Stuttgart helfen konnte. Meine Fähigkeiten waren noch nicht soweit entwickelt, dass ich bei so vielen neuen Eindrücken eine Struktur auf dem Frankfurter Flugplatz erkennen würde. Außerdem hatte sie organisiert, dass der Flieger nochmal eine Ehrenrunde über den Windhoeker Flughafen, heute bekannt unter dem Namen „Hosea Kotako Flughafen“, drehte. Damals waren solche speziellen Entscheidungen vom Piloten noch möglich. Außerdem durfte ich einen Einblick in den Cockpit des Piloten bekommen. - Heute ist sowas undenkbar. Es war unbeschreiblich durch die Frontschreibe, vorbei an blinkenden Amatouren auf das Meer von Wolken hinabzublicken. Zwischenstop war in Johannesburg, und ab dort musste ich endgültig Abschied von afrikanischem Boden nehmen. Im Flugzeug fing ich dann auch an, meine Eindrücke aufzuschreiben und Tagebuch zu führen. Aus diesen Aufzeichnungen setzt sich mein Bericht zusammen, wobei ich nur die aufregenderen Momente mitteilen werde. Am interessantesten sind ohnehin bei solch einem Erfahrungsbericht die zwischenmenschlichen Kontakte und Eindrücke aus der Sicht eines „Fremdlings“ im Land seiner Vorväter.

Teile diesen Artikel

Submit to DeliciousSubmit to FacebookSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Elke
Autor: ElkeE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Lehrerin und Buchautorin
Autor Info
Elke Lang lebt in Swapokmund, Namibia. Sie ist Lehrerein an der Namib High School und unterrichtet in folgenden Fächern: Deutsch, Englisch und Rede + Drama "Ich liebe es, an der Namib High School zu unterrichten, weil die Unterrichtsstimmung fabelhaft ist!" - Sie schreibt hier ab und an in ihrer Columne Geschichten aus Namibia.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok