Clair's Welt

Die Telekom veränderte ihr Angebot zu Möglichkeiten, die ihnen mehr Geld einbrachten und dem Verbraucher seltsame Dienste bescherte. Plötzlich war man an einer Antwortmaschine angeschlossen, die man sich gar nicht gewünscht hatte. Nach 3-maligen Klingeln übernahm die Automatik. Logisch, dass man meistens nicht schnell genug war, den Hörer zu greifen, also wurde jeder Anruf gezählt, auch wenn man seinen Gesprächspartner nicht erreicht hatte. Mit diesen Veränderungen kam auch das Angebot, dass man sich die Anrufliste schicken lassen konnte, um seine Telefongebühren zu überprüfen. Zweimal wurde ein Probeangebot von Telefonlisten verschickt, damit man sich überlegen konnte, ob man sie gegen eine kleine Gebühr auch in Zukunft bekommen möchte.

Die Telefonliste bescherte in manchen Haushältern, in denen dienstbare Hausgeister beschäftigt waren, eine neue Erkenntnis zur Arbeitsauffassung der Angestellten. Auch E. fand zwei Anrufe, die nach Grootfontein geführt worden waren. Sie sprach also Saga daraufhin an:

„Saga, hast du irgendwann telefoniert?“

Saga verwundert: „Nein?“

E.: „Bist du ganz sicher? Du hast nicht zufällig nach Grootfontein telefoniert?“

Saga verunsichert, wie das festgestellt werden könnte: „ Ich weiß nicht.“ – Eine typische Antwort im südlichen Afrika, wenn man erstmal Zeit gewinnen möchte. –

Und als E. sie ziemlich ernst ansah, fiel ihr ein: „Ja, also vielleicht könnte es mal passiert sein, dass ich einmal kurz nach Grootfontein angerufen habe.“

E. holte den Beleg hervor und zeigte ihr: „Du hast zweimal angerufen. Hier steht es geschrieben.“

Hätte Saga rot werden können, wäre sie über und über rot geworden. Sofort erklärte sie: „Ja, stimmt. Ich war in Sorge, ob die Schwester und Oma auch heil in Grootfontein angekommen seien. Aber ich werde das zahlen. Ich werde N$20,- zahlen.“

E.: „Es sind aber nur N$14,77. Du brauchst nicht mehr zu zahlen, als die Anrufe wert waren.“

Saga bestand darauf: „Ich werde N$20,00 zahlen. Du kannst es von meinem Gehalt abziehen.“

E.: „Gut, wenn du es so möchtest, dann tue ich es.“

Saga bestand darauf und ihre Ehre ließ nicht zu, weniger zu zahlen. E. nahm also von dem Wochengehalt die N$ 20,00 zurück, die Saga ihr hinhielt. Ohne diese Geste der Schuldanerkennung hätte Saga mit noch größeren Gewissensqualen zu tun gehabt. So konnte sie sich dahinter verstecken, dass ihre Arbeitgeberin indirekt von dem Vorfall profitiert hatte.

E. erklärte noch einmal ausdrücklich: „Ich habe nichts dagegen, wenn du telefonieren möchtest, aber du musst wenigstens fragen. Dies ist ein privater Haushalt, wo jeder Anruf vom Haushaltsgeld abgeht, da kann ich nichts von den Steuern absetzen oder wie in einer Firma die Waren teurer machen, um die Gebühren zu tragen. Ich werde dir auch nie verbieten, anzurufen, aber fragen musst du. Das Vertrauen muss zwischen uns bleiben, wenn wir gut miteinander auskommen möchten.“

Saga versuchte, sich zu verteidigen: „Viele Angestellte machen das, mich muss man dabei erwischen.“

E.: „Ja, viele tun es, aber es ist nicht richtig, auch wenn sie nicht erwischt wurden. Leider sind aber in diesem Monat sehr viele ertappt worden. Mit der Aktion von Telekom, und weil sie nicht vorgewarnt hatten, haben viele Arbeitgeber jetzt raus gefunden, woher ihre hohen Telfonkosten kommen. Bei anderen Leuten wurden die Angestellten rausgeschmissen, weil sie über N$ 300,00 in dem Monat vertelefoniert hatten. Da konnten sie sich ausrechnen, dass sie schon monatelang so viele Zusatzausgaben hatten. Manche hatten gedacht, sie hätten ihr Telefon abgeschlossen, aber die Arbeiter hatten ein eigenes Telefon mitgebracht und es ausgetauscht, damit sie telefonieren konnten. Wieder andere haben sich anrufen lassen und zugestimmt, dass die Rechnung vom Haushalt übernommen wird. Du siehst, da wurde viel betrogen. Zum Glück war bei dir nur wenig auf der Rechnung – und ich hätte auch gar nichts gesagt, wenn du gefragt hättest. – Aber du kennst mich ja mittlerweile: Wir haben darüber gesprochen, und dann ist für mich die Sache erledigt und vergessen. Du hast die Anrufe gezahlt, und wenn du nächstes Mal fragst, sind sie umsonst.“

In Saga kämpfte es mit Schuldgefühlen, Scham und Ärger: „Ich werde nie wieder von hier anrufen.“

E. versprach noch mal: „Ein Dienstverhältnis besteht auch daraus, dass man unliebsame Geschehnisse ausdiskutiert und dann ein neues Blatt aufschlägt, um künftig wieder gut miteinander auszukommen!“

Der Abschied nachmittags war trotzdem kühl, und E. stand im Zwiespalt, ob sie richtig gehandelt habe. Andererseits hätte Schweigen auch dazu führen können, dass es selbstverständlich geworden wäre, in der Abwesenheit von E. Telefongespräche zu führen.

Immer noch schwer geknickt kam Saga beim nächsten Mal wieder zur Arbeit. Es gab nochmals lange Gespräche, die Saga damit einleitete, dass sie mit der Nachbarin und einigen Freundinnen über ihr Missgeschick gesprochen habe:

„Ich habe mich so geschämt. Eigentlich wollte ich nie wieder bei dir arbeiten kommen, aber alle haben mir erklärt, dass ich es mir nicht leisten könne, die Arbeitsstelle aufzugeben. Bei dir bekomme ich ein gutes Gehalt und noch ab und zu zusätzliche Unterstützung. Es ist mir aber sehr schwer gefallen, heute wieder zu kommen.“

E. versicherte ihr nochmals, dass für sie die Angelegenheit mit der Diskussion abgehandelt sei. Lieber sollten Unstimmigkeiten ausdiskutiert werden, als dass man Vorwürfe mit sich herumschleppte, die das Arbeitsverhältnis vergifteten, ohne dass der andere wüsste, warum die Stimmung so mies sei. Und ohne die Aussprache hätte sie weiterhin kein Vertrauen zu ihr haben können. Es sei dann doch besser so.

Während E. die Episode schnell vergessen konnte, rumorte bei Saga noch lange das schlechte Gewissen. Einige Gespräche mit der Nachbarin brachten aber doch irgendwann Seelenfrieden – und zum Glück hatte der Vorfall das Verhältnis zwischen E. und Saga nicht so nachhaltig getrübt, daß eine Verständigung zwischen beiden Parteien nicht mehr möglich gewesen wäre – und E. hielt ihr Versprechen und erwähnte den Vorfall nie wieder.

Natürlich floss das Lehrgeld, das zuviel gezahlt wurde, in Form von Lebensmittelzugaben zurück in Sagas Haushalt, ohne dass es erwähnt wurde.

Elke
Autor: ElkeE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Lehrerin und Buchautorin
Autor Info
Elke Lang lebt in Swapokmund, Namibia. Sie ist Lehrerein an der Namib High School und unterrichtet in folgenden Fächern: Deutsch, Englisch und Rede + Drama "Ich liebe es, an der Namib High School zu unterrichten, weil die Unterrichtsstimmung fabelhaft ist!" - Sie schreibt hier ab und an in ihrer Columne Geschichten aus Namibia.

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