Clair's Welt

Opi hielt Hirni wieder sehr kurz mit Nahrung. Morgens schickte er ihn schon auf die Straße und ließ ihn erst abends wieder ins Haus. So konnte man eine Menge an Verpflegung einsparen. Hirni bekam keine neue Kleidung und durfte die abgelegten Sachen von Opi anziehen, während Opi dafür sorgte, dass er selbst in seiner Freizeit ansehnlich in der Öffentlichkeit erschien.

Für die nötigen Medikamente sollte Saga aufkommen, auch für die Arztbesuche. Saga weigerte sich, denn natürlich gab Opi nicht die benötigte kleine Beitragssumme mit, sondern erwartete, dass Saga die Summe zahlen sollte. Schließlich wurde es Saga zu dumm und sie stellte Opi zur Rede: „Mit einem ungewaschenen, lumpigen und stinkenden Jungen gehe ich nicht zum Krankenhaus. Ich muss mich ja schämen. Ich denke auch nicht mehr daran, Hirnis Sachen vorher zu waschen. Er ist dein Kind und du kannst selbst mit ihm zum Hospital gehen!“

Opi reagierte mürrisch und ließ die Schelte an sich abprallen. Hirni selbst kümmerte sich erst recht nicht um seine Medikamente und trieb sich also auf den Straßen herum und bettelte die Leute an.

Seine Laune verschlechterte sich zusehends, und es kam, wie es kommen musste. Erst zeigte sich Hirni aggressiv seinem Vater gegenüber, so dass Opi regelrecht erleichtert war, wenn Hirni morgens aus dem Haus verschwand, – und mit Sorge reagierte, wenn Hirni abends wiederkam. Dann griff Hirni an einem Samstag sogar eine ältere Dame an und randalierte in einem Geschäft, als er beim Klauen ertappt wurde. Die Polizei wurde gerufen und nahm Hirni in Gewahrsam. Er sollte vors Gericht geführt werden.

Wer konnte in solchen Zeiten der Not helfen? Natürlich Saga! Opi flehte sie an, sich um Hirni und die Gerichtssache zu kümmern. „Denkt doch mal an die Familie und die Schande, wenn Hirni ins Gefängnis kommt. Er ist doch krank! Saga, du hast immer den besten Einfluss auf ihn. Kümmere dich doch bitte darum!“

Saga hatte Glück, dass zufällig auch ihr Bruder Sagensus in Swakopmund zu Besuch war. Beide begaben sich also zu der angegriffenen Partei und beschworen sie, die Anklage fallen zu lassen.
Da die Geschäftsinhaberin selbst ein ähnlich krankes Familienmitglied hatte, ließ sie sich erweichen, bestand aber darauf, dass Hirni gezielte Betreuung in einer Anstalt bekommen sollte, um künftig solche Vorfälle zu vermeiden.

Am Montag ging Saga nicht ihrer geregelten Arbeit nach, damit sie beim Verhör für Hirni sprechen konnte. Die Polizei war nicht geneigt, die Anklage fallen zu lassen. Hirni habe gezeigt, dass er wirklich gefährlich werden konnte. Nur das beherzte Einschreiten von Umstehenden habe verhindert, dass ernsthaft jemand verletzt worden sei. Für seine Aktionen könne Hirni mit mindestens 15 Jahren Gefängnis rechnen.

Saga flehte und bettelte für das arme Kind, dass doch krank sei. Sie sei bereit, ihn persönlich zur Anstalt nach Windhoek zu begleiten, zusammen mit ihrem Bruder. Sie bürge dafür, dass Hirni dorthin käme. Er habe doch vorher noch nie so in der Öffentlichkeit reagiert und sei doch so lieb, wenn er seine Medikamente bekäme.

Auch Polizeibeamten sind keine Unmenschen. Sagas Rede rührte ihr Herz und sie sahen in ihr fast schon die Mutter zu dem erwachsenen jungen Mann. Mit einigen Auflagen und Ratschlägen waren sie bereit, Hirni zu entlassen.

Saga sorgte sofort dafür, dass 3 Zugkarten gelöst wurden, für die Opi leider wegen der schlechten Zeiten nichts beisteuern konnte. Auch Sagensus hatte wegen seines Urlaubs kein Geld mehr übrig. Saga lieh sich also das Geld anderweitig und abends setzte sich die kleine Gruppe auf den Zug.

In Windhoek mussten sich Sagensus und Saga erstmal zur Anstalt durchfragen. Hirni zeigte sich sehr willig und freute sich über die Abwechslung in seinem Dasein. Er folgte den beiden brav zu seiner neuen Wohnstätte – und wollte dann mit ihnen wieder zurückreisen. Das gab eine heftige Diskussion. Er zeterte und jammerte, spielte auf ihre Gefühle an, aber endlich führte die Anstaltsleitung ihn ab.

Abends setzten sich Saga und Sagensus erschöpft und müde wieder in den Zug und kehrten an die Küste zurück. Alles in allem hatte Saga für diese Expedition und die kurze Gerichtssache drei rote Riesen berappen müssen plus zwei Arbeitstage verloren.

E. wunderte sich am Dienstag, dass keine Saga erschien und sich auch nicht entschuldigte. Am Mittwoch, nach ihrer Rückkehr wurde sie allerdings über alle Vorgänge informiert.

E. zeigte sich nicht sehr einsichtig und ärgerte Saga mit der Bemerkung: „ Hättest du Hirni mal lieber ins Gefängnis setzen lassen. Dann wärest du 15 Jahre verschont geblieben von weiteren Aufdringlichkeiten und hättest ganze 15 Jahre lang Ruhe vor ihm. Wer zahlt dir denn jetzt deine Ausgaben zurück? Opi wird sich weigern. Deine Kinder müssen also wieder hungern, weil das arme „Kind“ zu blöd war, sich selbst um seine Medikamente zu kümmern. Und Hirni genießt es, dass sich die Welt um ihn dreht. Bald ist er zurück und alles fängt von vorn an!“

Irgendwie wurmte es Saga ja auch, dass sie wieder mit Schulden saß. Und wegen der Vorwürfe von E. wollte sie doch mal prüfen, ob sie diesmal die Prophezeiungen falsch beweisen konnte. Sie machte sich also auf den Weg zu Opi und bat darum, dass er wenigstens einen Teil der Unkosten begleichen sollte.

„Ich habe kein Geld,“ fauchte Opi sie gleich an. „Du musst deine Probleme nicht zu meinen Problemen machen. Ich komme auch nicht zu dir, wenn ich Geldsorgen habe. Lass mich also in Ruhe und sortiere deine Angelegenheiten selbst aus!“

Saga kam sich vor, als sei sie einem Alptraum aufgesessen. Wer hatte denn das Hirni-Problem zu ihr getragen? Wer kam denn dauernd bei ihr betteln, wenn es um Kreditkarten, neue Klamotten oder Zahlungen an Zauberdoktoren ging?

„Jetzt habe ich gelernt!“ versicherte Saga ernsthaft und geradezu glaubhaft, als sie wieder mit Überzeugung das Bügeleisen über die Kleidung drückte. „Der braucht nicht mehr bei mir anzuklopfen! Nie mehr! Von mir darf er nichts mehr erwarten, und wenn es ihm noch so schlecht geht. Und es war auch das letzte mal, dass ich Geld für Hirni ausgegeben habe.“

E. wagte aus Rücksicht auf das Bügelbrett und die Kleidung nicht, das Feuer auch noch zu schüren. Sie verdrückte sich an ihren Computer und konzentrierte sich intensiv auf ein Kartenspielchen.

Zu erwähnen ist noch, dass Hirni schon nach 14 Tagen aus der Anstalt entlassen und auf den Zug gesetzt wurde. Opi marschierte schnurstracks zu Saga und machte ihr Vorwürfe, dass sie verhindert habe, dass Hirni ins Gefängnis gekommen sei.

„Dann hätte ich wenigstens 15 Jahre Ruhe vor ihm gehabt!“

Elke
Autor: ElkeE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Lehrerin und Buchautorin
Autor Info
Elke Lang lebt in Swapokmund, Namibia. Sie ist Lehrerein an der Namib High School und unterrichtet in folgenden Fächern: Deutsch, Englisch und Rede + Drama "Ich liebe es, an der Namib High School zu unterrichten, weil die Unterrichtsstimmung fabelhaft ist!" - Sie schreibt hier ab und an in ihrer Columne Geschichten aus Namibia.

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