Clair's Welt

Was es kostet, wenn man auf Hilfe angewiesen ist, bekam Saga immer wieder zu spüren. Ihre schwerhörige Schwester, wir bedenken sie mal mit dem Namen Horra, entpuppte sich von Tag zu Tag mehr als schwieriges Anhängsel.

Horra brachte gern ihre Enkel mit, die Sagas Wohnung binnen kürzester Zeit in ein Schlachtfeld verwandelten. Außerdem verlangten die beiden Kinder tagsüber Beköstigung, für die zusätzlich gesorgt werden musste. Spielzeug, das für das Baby gedacht war, wurde von den beiden Buben beansprucht, da sie schließlich Beschäftigung suchten. Abends konnte Saga über den entstandenen Schaden nur verzweifelt den Kopf schütteln. Horra gestand, dass sie die beiden Buben nicht erziehen könne.

„Du kannst sie nicht mehr mitbringen,“ erklärte Saga ihr streng.

„Und wo soll ich die beiden dann lassen?“ empörte sich Horra. „Sie können doch nicht allein zu Hause bleiben!“

„Sie sind dort nicht allein,“ erklärte Saga ihr. „Deine Tochter ist auch zu Hause und sie kann nach den beiden gucken.“

„Meine Tochter erwartet ein Kind. Sie braucht Ruhe!“ schimpfte Horra.

Diesmal ließ sich Saga jedoch nicht erweichen und bestand darauf, dass die beiden Kinder nicht noch einmal mitkommen dürften. Als Gegenleistung erhöhten sich Horras Ansprüche für zusätzliche Essensrationen:

„Weil meine Tochter ein Kind bekommt, braucht sie besseres Essen. Sie kann nicht nur von Maisbrei leben, sondern braucht auch Fleisch und Gemüse!“

Saga beklagte bei E. ihr Schicksal: „So sind meine Verwandten! Emma hat auch von Maisbrei gelebt, weil wir uns nichts anderes leisten konnten. Ihre Familie muss immer das Beste kriegen, dabei weiß ich manchmal nicht, wie ich die Milch für das Baby zahlen soll.“

E. unterstützte Saga, indem sie Druck ausübte: „Alles, was Du von mir extra bekommst, ist für Dich und Deine Familie bestimmt, nicht für Deine gierige Verwandtschaft. Wenn Du ihnen abgibst, kann ich Dir nichts mehr geben. Du darfst nicht immer nur Mitleid haben, denn Du siehst ja, dass von ihnen nichts zu Dir zurückkommt!“

Mit genügend zusätzlichen Argumenten gestärkt, begegnete Saga den neuen Anforderungen von Horra und wies sie erfolgreich für eine Weile ab. Zwischendurch musste sie jedoch wieder Zugeständnisse machen, weil Horra sonst nicht mehr nach dem Baby gucken wollte. Die Angelegenheit strapazierte sich zu einem Drahtseilakt.

Als die Tochter von Horra endlich ihren Nachwuchs bekommen sollte, war Saga allerdings wieder gut genug für alle Formalitäten. Horra eilte aufgeregt zu Saga und beanspruchte seelischen Beistand. Saga schlug sich also die Nacht um die Ohren, eilte in regelmäßigen Abständen zum Hospital, während Horra bei Saga zu Hause die Hände wrang und auf Nachrichten wartete. Durch Geburtskomplikationen mußte die Tochter nach Windhoek gebracht werden. Auch dafür durfte Saga sorgen, die erforderliche Wäsche stellen und alle weiteren Botengänge erledigen. Endlich kehrte sie erschöpft nach Hause zurück … und fand Horra friedlich schlafend vor.

Ein seelisches Trostpflaster gab es für Saga: Sie erbte ein Laken und eine Decke. E. machte sie darauf aufmerksam, dass Horra sicher wieder einen neiderfüllten Blick über diese „Spende“ gleiten lassen würde. Saga nickte dazu ahnungsvoll, versprach jedoch, mit allen Mitteln den Besitz der Decke gegen jegliche Überredungsanschläge zu verteidigen.

Inzwischen machten sich Horra und ihre Tochter immer unbeliebter bei Horras Sohn, indem sie nur Anforderungen stellten, aber keinen Finger rührten. Horras Tochter hatte Glück, dass der Vater ihres unehelichen Kindes ihr monatlich Unterhalt zahlte. Dafür konnte sie sich neue Kleidung und andere Annehmlichkeiten kaufen, während Horra weiterhin bei Saga um Nahrungsergänzungen bettelte. Schließlich platzte Horras Sohn der Kragen. Er ließ eine Schimpfkanonade auf die Verwandtschaft los und drohte mit drastischen Maßnahmen, nämlich mit Rausschmiss. Das nahm Horra zum Anlass, um mit wenigen Gepäckstücken zu Saga zu flüchten. Dort forderte sie Aufnahme.

Saga hatte die Erfahrung mit der Nichte noch gut in Erinnerung und weigerte sich, Horra bei sich wohnen zu lassen. Sie bat Horras Sohn zu einem Gespräch. Er war zum Glück bereit, die verfahrene Angelegenheit zu besprechen. Im Beisein von Horra ließ er sich über ihre Faulheit, über ihre Ansprüche und dass man ihm schon nicht mehr sein Verhältnis mit seiner Lebenspartnerin gönnen wollte. Irgendwo habe er ja auch noch Rechte. Er habe sie nicht zu Saga geschickt, aber wenn in ihrem Verhalten keine Änderung eintrete, sollten sie zurück ins Inland.

Da wühlte Horra in ihrem Gepäckbündel und zog einen verschlissenen Lappen heraus.

„Da, das ist das Laken, auf dem ich schlafen muss. Mehr gönnt man mir nicht!“ behauptete sie und breitete den Fetzen aus.

Saga sah plötzlich die Komik der Situation und musste sich schwer zusammenreißen, um nicht zu lachen. Das war also der eigentliche Sinn und Zweck der Übung. Horra hatte es auf das geschenkte alte Laken abgesehen und beide Augen auf die Decke geworfen!

Freundlich fragte Saga, ob sie ihr altes Laken vom Bett bekommen wollte. Das wollte Horra nicht. Sie wollte …, aber ganz deutlich traute sie es sich nicht zu sagen. Sie sah sich durchschaut. Jedenfalls endete die Szene damit, dass Horra wieder brav mit ihrem Lappen abzog und davon absah, sich bei Saga niederzulassen. Außerdem holte sie sich mit diesem Auftritt die direkte Aufforderung ihres Sohnes, dass sie froh sein könne, wenigstens ein kleines bisschen Taschengeld zu verdienen, indem sie das Baby hütete.

Elke
Autor: ElkeE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Lehrerin und Buchautorin
Autor Info
Elke Lang lebt in Swapokmund, Namibia. Sie ist Lehrerein an der Namib High School und unterrichtet in folgenden Fächern: Deutsch, Englisch und Rede + Drama "Ich liebe es, an der Namib High School zu unterrichten, weil die Unterrichtsstimmung fabelhaft ist!" - Sie schreibt hier ab und an in ihrer Columne Geschichten aus Namibia.

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